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... von den Ringen der Macht

Einst lebte Sauron der Maia, den die Sindar in Beleriand Gorthaur nannten. Zu Anbeginn Ardas lockte ihn Melkor in seinen Bund, und er wurde der größte und vertrauteste Diener des Feindes, und der gefährlichste, denn in hundert Gestalten erschien er, und lange vermochte er sich ein so edles und schönes Ansehen zu geben, wenn er wollte, daß er alle bis auf die Bedachtsamsten täuschte.

[...]

Am freudigsten wurde Saurons Rat in Eregion aufgenommen, denn in diesem Lande begehrten die Noldor, die Kraft und Kunst ihrer Arbeiten immer weiter zu verfeinern. Auch war kein Friede in ihren Herzen, denn sie hatten sich geweigert, in den westen zurückzukehren, und ihr Wunsch war, sowohl in Mittelerde zu bleiben, das sie wahrhaft liebten, und doch auch das Glück derer, die geschieden waren, zu teilen. Und so hörten sie auf Sauron und erfuhren so manches von ihm, denn groß war sein Wissen. In jenen Tagen übertrafen die Schmiede von Ost-in-Edil alles, was sie zuvor schon geleistet; und sie bedachten sich und schufen Ringe der Macht. Doch Sauron leitete sie an, und er wußte von allem, was sie taten; denn sein Wunsch war, die Elben zu binden und unter seine Macht zu bringen.

Nun schmiedeten die Elben viele Ringe; heimlich aber schmiedete Sauron den Einen Ring, der alle anderen beherrschte; ihre Macht war ganz und gar an den Einen gebunden und ihm untertan und dauerte nur so lange, wie auch er dauerte. Und von Saurons Kraft und Willen ging ein großer Teil in jenen Einen Ring ein, denn auch die Elbenringe waren sehr mächtig, und jener, der sie beherrschen sollte, mußte von überwältigender Kraft sein; und Sauron schmiedete ihn im Feurigen Berg im Lande des Schattens. Und während er den Einen Ring trug, konnte er alles sehen, was mit Hilfe der schwächeren Ringe geschah, und die Gedanken ihrer Träger konnte er lesen und lenken.

Doch so leicht waren die Elben nicht zu fangen. Sobald Sauron den Einen Ring auf den Finger steckte, bemerkten sie es; und sie erkannten ihn und sahen, daß er ihr Herr sein wollte und Herr all dessen, was sie schufen. In Zorn und Furcht nahmen sie da ihre Ringe ab. Als er aber sah, daß er durchschaut war und die Elben nicht getäuscht hatte, überzog er sie wutentbrannt mit offenem Krieg und verlangte, alle Ringe müßten ihm ausgeliefert werden, da die Elbenschmiede sie nicht hätten schaffen können ohne sein Wissen und seinen Rat. Die Elben aber flohen vor ihm; und drei ihrer Ringe retteten sie und nahmen sie mit sich fort und versteckten sie.

Dies nun waren die Drei, die zuletzt geschmiedet worden waren, und sie waren die mächtigsten. Narya, Nenya und Vilya wurden sie genannt, die Ringe des Feuers, des Wassers und der Luft, und sie waren mit Rubin, Adamant und Saphir besetzt. Dies wünschte Sauron unter allen Elbenringen am sehnlichsten zu besitzen, denn wer sie bei sich trug, konnte die Wunden der Zeit abwehren und die Müdigkeit der Welt vertragen. Doch Sauron konnte sie nicht finden, denn sie wurden den Weisen anvertraut, die sie verbargen und nie mehr offen trugen, solange Sauron den Herrscherring besaß. So blieben die Drei unbesudelt, denn Celebrimbor hatte sie allein geschmiedet, und Saurons Hand hatte sie niemals berührt; doch waren auch sie dem Einen untertan.

Von jener Zeit an nahm der Krieg zwischen Sauron und den Elben kein Ende mehr. Eregion wurde verwüstet und Celebrimbor erschlagen, und die Tore von Moria wurden geschlossen. In dieser Zeit wurde Imladris, das die Menschen Bruchtal nannten, von Elrond dem Halb-Elben als Festung und Zuflucht gegründet; und lange hielt es stand. Doch brachte Sauron die übrigen Ringe der Macht sämtlich in seinen Besitz; und er teilte sie unter den andren Völkern von Mittelerde aus, in der Hoffnung, so alle unter sein Gebot zu zwingen, die es über das Maß ihrer Art hinaus nach geheimer Macht verlangte. Sieben Ringe gab er den Zwergen, den Menschen aber neun, denn sie erwiesen sich ihm in diesen wie in andren Belangen als die Willfährigsten. Und all die Ringe, die er beherrschte, verdarb er um so leichter, als er ja geholfen hatte, sie zu schmieden, und sie verflucht waren; und sie betrogen am Ende jeden, der sie gebrauchte. Die Zwerge allerdings zeigten sich widerspenstig und waren schwer zu zähmen; denn schlecht fügen sie sich unter die Herrschaft andrer, und die Gedanken in ihren Herzen sind schwer zu ergründen; auch lassen sie sich nicht in Schatten verwandeln. Nur zur Mehrung ihres Reichtums gebrauchten sie die Ringe; doch der Zorn und die überwältigende Gier nach dem Golde waren in ihren Herzen entfacht, woraus später genug Unheil erwuchs, Sauron zum Vorteil. Es heißt, auf dem Grunde eines jeden der Sieben Schätze der alten Zwergenk&oulm;nige habe ein goldner Ring gelegen; all diese Schätze aber wurden schon vor langer Zeit geplündert, und die Drachen verschlangen sie, und von den Sieben Ringen wurden manche vom Feuer verzehrt, und manche gewann Sauron zurück.

Leichter waren die Menschen zu betören. Jene, welche die Neun Ringe gebrauchten, wurden Mächtige ihrer Zeit, die Könige, Magier und Krieger von einst. Ruhm und große Schätze gewannen sie, doch daran wurden sie zunichte. Endlos schien ihr Leben zu sein, doch unerträglich wurde es für sie. Ungesehen von allen Augen dieser Welt unter der Sonne konnten sie umgehen, und in andre Welten hatten sie Einblick, die den sterblichen Menschen unsichbar sind; doch allzu oft sahen sie nur die Phantome und Trugbilder Saurons. Und einer nach dem andern, früher oder später, je nach ihrer Stärke von Geburt und ihrem guten oder bösen Willen zu Anfang, wurden sie Knechte des Rings, den sie trugen, fielen sie unter die Herrschaft des Einen, und der war Saurons. Und sie wurden auf ewig unsichtbar, außer für ihn, der den Herrscherring trug, und traten ins Reich der Schatten hinüber. Die Nazgul waren sie, die Ringgeister, die furchtbarsten Diener des Feindes; Dunkelheit war um sie her, und sie schrien mit den Stimmen des Todes.

[...]

Als Sauron nun seine Zeit gekommen sah, fiel er mit großer Macht in das neue Reich von Gondor ein, eroberte Minas Ithil und vernichtete den Weißen Baum Isildurs, der dort wuchs. Isildur jedoch entkam und rettete einen Sämling des Baumes; mit seinem Weib und seinen Söhnen fuhr er zu Schiff flußabwärts, und von der Mündung des Anduin stachen sie in See, um Elendil zu erreichen. Unterdessen verteidigte Anarion Osgiliath gegen den Feind und trieb ihn einstweilen in die Berge zurück; doch Sauron sammelte neue Kräfte, und Anarion wußte, daß sein Reich nicht lange standhalten würde, wenn keine Hilfe käme.

Nun berieten sich Elendil und Gil-galad, denn sie erkannten, daß Sauron zu stark werden und alle seine Feinde, einen nach dem anderen, besiegen würde, wenn sie sich nicht gegen ihn einten. Also schlossen sie ein Bündnis, welches der Letzte Bund genannt wurde, und sie zogen gen Osten nach Mittelerde hinein, ein großes Heer von Elben und Menschen um sich scharend; und in Imladris machten sie eine Zeitlang halt. Es heißt, schöner und prächtiger gerüstet sei das dort versammelte Heer gewesen, als jedes andre, das seither in Mittelerde zu sehen war, und kein größeres wurde je aufgeboten, seit das Heer der Valar gegen Thangorodrim zog.

[...]

Nun drangen Gil-galad und Elendil in Mordor ein und umzingelten Saurons Festung; und sie belagerten sie sieben Jahre lang und erlitten schlimme Verluste durch das Feuer und die Pfeile und Bolzen des Feindes; und Sauron ließ viele Ausfälle machen. Dort in der Ebene von Gorgoroth fielen Anarion, Elendils Sohn, und viele andere mit ihm. Doch zuletzt war die Belagerung so drückend, daß Sauron selber hervorkam. Und er rang mit Gil-gald und Elendil, und beide wurden sie erschlagen, und Elendils Schwert zerbrach unter ihm, als er fiel. Doch auch Suaron wurde niedergeworfen, und mit dem Heftstück von Narsil schnitt Isildur den Herrscherring von Saurons Hand und nahm ihn zu eigen. Da war Sauron zu jener Zeit besiegt, und er verließ seinen Leib, und sein Geist suchte das Weite und verbarg sich an dunklen Stätten; und viele Jahre lang nahm er keine sichtbare Gestalt mehr an.

[...]

Der Herrscherring verschwand aus dem Wissen jener Zeit, selbst für die Weisen; doch wurde er nicht zerstört. Denn Isildur mochte ihn Elrond und Cirdan nicht geben, die bei ihm standen, als er ihn nahm. Sie rieten ihm, ihn sogleich ins Feuer des nahen Orodruin zu werfen, worinnen er geschmiedet war, so daß er zunichte würde und Saurons Macht für immer geschwächt wäre und er nur mehr ein Schatten seiner Bosheit in der Wildnis bliebe. Isildur aber wies den Rat ab und sagte: "Den will ich als Wergeld haben für meines Vaters und meines Bruders Tod. Und habe nicht ich dem Feinde den Todesstreich versetzt?" Und der Ring in seiner Hand schien ihm über alle Maßen schön anzusehen, und er wollte nicht leiden, daß man ihn zerstörte. Also behielt er ihn und kehrte zuerst nach Minas Anor zurück, wo er den Weißen Baum zum Gedenken seines Bruder Anarion pflanzte. Doch bald brach er wieder auf, und nachdem er Meneldil, seines Bruders Sohn, Rat erteilt und ihm die Herrschaft über den Süden aufgetragen hatte, nahm er den Ring mit sich fort als ein Erbstück seines Hauses, und zog von Gondor nach Norden den Weg, den Elendil gekommen war; denn er gedachte, seines Vaters Herrschaft in Eriador anzutreten, fern von dem Schatten des Schwarzen Landes.

Doch Isildur wurde von einer Schar Orks überfallen, die im Nebelgebirge auf der Lauer lagen; unversehens stürmten sie sein Lager zwischen dem Grünwald und dem Großen Strom, in der nähe von Loeg Ningloron, den Schwertelfeldern, denn er war sorglos gewesen und hatte keine Wachen aufgestellt, in der Meinung, alle Feinde seien besiegt. Fast alle seiner Leute wurden dort erschlagen, darunter auch seine drei älteren Söhne Elendur, Aratan und Cyrion; sein Weib aber und seinen jüngsten Sohn Valandil hatte er in Imladris gelassen, als er in den Krieg zog. Isildur selbst entkam mit Hilfe des Rings, denn wenn er ihn trug, war er für alle Augen unsichtbar; die Orks aber jagten ihn, die Nasen auf seiner Fährte, bis er an den Fluß kam und sich hineinstürzte. Da betrog ihn der Ring und nahm Rache für seinen Schöpfer, denn er schlüpfte Isildur vom Finger als er schwamm, und ging im Wasser unter. Nun sahen ihn die Orks, wie er mit dem Strom kämpfte, und töteten ihn mit vielen Pfeilen, und das war Isildurs Ende. Nur drei seiner Leute kamen nach langem Irren durch die Berge wieder zurück, und einer von ihnen war Ohtar, sein Knappe, dem er die Bruchstücke von Elendils Schwert anvertraut hatte.

So kam Narsil in die Hände von Valandil, Isildurs Erben, doch die Klinge war geborsten und ihr Licht erloschen, und sie wurde nicht neu geschmiedet. Und Meister Elrond sagte voraus, dies solle erst dann geschehen, wenn der Herrscherring wiedergefunden werde und Sauron zurückkehre; Elben und Menschen aber hofften, daß dies niemals eintreten werde.

[...]

Über die Drei Ringe, welche die Elben unbesudelt gerettet hatten, fiel unter den Weisen nie ein offenes Wort, und selbst unter den Eldar wußten nur wenige, wem sie anvertraut worden waren. Doch nach den Sturz Saurons war ihre Macht stets tätig, und wo sie sich befanden, da war das Glück zu Hause, und alle Dinge blieben ungetrübt von den Nöten der Zeit. Deshalb erkannten die Elben, ehe das Dritte Zeitalter endete, daß der Ring des Saphirs im freundlichen Bruchtal bei Elrond war, auf dessen Haus die Sterne des Himmels am hellsten schienen; der Ring des Adamant aber befand sich im Lande Lorien, wo Frau Galadriel lebte. Eine Königin der Wald-Elben war sie, die Gemahlin Celeborns von Doriath, doch sie selbst stammte von den Noldor und erinnerte sich des Tages vor Anbruch aller Tage in Valinor; und sie war die mächtigste und schönste aller Elben, die noch in Mittelerde lebten. Der Rote Ring aber blieb bis zum Ende verborgen, und außer Elrond und Galadriel und Cirdan wußte keiner, wem er anvertraut worden war.

So blieben, solange das Zeitalter währte, Glück und Glanz der Elben an zwei Orten ungetrübt: in Imladris und in Lothlorien, dem verborgenen Lande zwischen dem Celebrant und dem Anduin, wo die Bäume goldne Blüten trugen und wohin kein Ork oder schwarzes Wesen sich jemals wagte. Doch viele Stimmen wurden laut unter den Elben, die vorhersagten, daß den verlorenen Herrscherring entweder Sauron selbst finden werde, oder aber, was das Günstigere wäre, seine Feinde fänden den Ring und vernichteten ihn; in beiden Fällen aber würde die Macht der Drei erlöschen, und alles, was durch sie erhalten worden sei, müßte schwinden, und so würden die Elben ins Zwielicht treten, und das Reich der Menschen begänne.

© John R.R. Tolkien, Christopher Tolkien & Klett-Cotta

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... letzte Änderung am 23.05.98 um 23:05 h

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