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Die Ökologie des Wüstenplaneten
(Der Wüstenplanet, Appendix I)

Die erste Erkenntnis, die sich auf das Bewußtsein eines jeden Neuankömmlings auf Arrakis niederschlägt, ist die eines völlig unfruchtbaren Planetens. Jeder Fremde muß auf den ersten Blick zu dem Schluß gelangen, es sei unmöglich, daß hier - in der offenen Wüste - etwas wachsen oder leben könne. Und sein nächster Schluß wird sein, daß es unmöglich ist, diese totale Einöde zu verändern.

Für Pardot Kynes stellte Arrakis in erster Linie eine energetische Maschine dar, die von der Sonne angetrieben und in Gang gehalten wurde. Was Arrakis brauchte, war eine Umformung, die den Bedürfnissen der auf ihm lebenden Menschen entgegenkam: den Fremen. Für Kynes war Arrakis die große Herausforderung, und die Fremen stellten für ihn den Veränderungsfaktor Nummer Eins dar. Sie waren für ihn eine ökologische und geologische Kraft unbegrenzten Potentials.

In vielen Dingen war Kynes ein einfach und direkt vorgehender Mann. Wie konnte er am besten den Grenzen, die die Harkonnens ihm setzten, entfliehen? Ganz einfach. Man brauchte nur eine Frau der Fremen zu ehelichen. Schenkte sie ihm einen Sohn, konnte er diesem - und den anderen Kindern dieser Verbindung - die ökologischen Tatsachen nahebringen. Dazu war es erforderlich, eine neue Symbolsprache zu schaffen, die das Bewußtsein der neuen Generation befähigte, nach und nach die gesamte Landschaft und die jahreszeilich bedingten Begrenzungen des Systems zu manipulieren. Im Endeffekt würde das dazu führen, richtungsweisende Ideen sowie das neue Wissen in der Bevölkerung von Arrakis zu verankern und ihm so zum Durchbruch zu verhelfen.

[...]

Kynes, der - direkt und versessen, wie er war - wußte, daß konzentriertes Recherchieren aller die Garantie dafür war, nichts elementar Neues zu produzieren, organisierte aus dem Reservoir seiner neuen Mitarbeiter kleine Experimentalteams und ließ jede dieser Einheiten nach einem eigenen Weg suchen. Es gab Millionen und Abermillionen kleiner und kleinster Fakten zu sammeln, die man anschließend den härtesten Prüfverfahren unterwarf. Zuerst mußten die größten Schwierigkeiten herausgefunden und katalogisiert werden.

Der Bled wurden Sandproben entnommen. Man legte Wettertabellen an. Und aus diesen erfuhr Kynes, daß die Temperaturen zwischen dem nördlichen und südlichen siebzigsten Grad - ein ziemlich weitläufiges Gebiet - sich seit Jahrtausenden in dem Temperaturbereich zwischen -20 und +59 oC eingependelt hatte. Außerdem wies dieser Geländegürtel lange jahreszeitliche Perioden auf, während denen die Temperaturen zwischen +9 und +29 oC lagen. Er stellte somit eine wahre Goldgrube für terraformendes Leben dar, beziehungsweise konnte es darstellen, wenn es ihnen gelang, das Bewässerungsproblem zu lösen.

"Wann wird das sein?" fragten die Fremen. "Wie lange wird es dauern, bis Arrakis anfängt, sich zu einem Paradies zu entwickeln?"

Wie ein Lehrer, der Kindern das kleine Einmaleins beibringt, erwiderte Kynes: "Es wird zwischen dreihundert und fünfhundert Jahre erfordern."

Ein anderes Volk hätte sicher vor Enttäuschung aufgeheult. Nicht so die Fremen, denen man die Geduld mit Peitschen eingebläut hatte. Es war ein wenig länger, als sie erwartet hatten, aber sie waren davon überzeugt, daß eines Tages der gesegnete Tag kommen würde. Also schnallten sie ihre Gürtel enger und machten sich wieder an die Arbeit. Irgendwie erschien ihnen das Unternehmen durch die lange Wartezeit sogar realistischer geworden zu sein.

[...]

Die Arbeit wurde fortgesetzt: man baute an, pflanzte, grub und bildete die Kinder aus.

Dann wurde Kynes-der-Umma in der Höhle am Pflasterbecken getötet.

Sein Sohn, Liet-Kynes, war zu dieser Zeit neunzehn Jahre alt, galt als vollausgebildeter Fremen und hatte mehr als einhundert Harkonnens getötet. Die Tatsache, daß die Aufgabe seines Vaters auf ihn überging, war eine von vornherein beschlossene Sache: dafür sorgte schon die Faufreluches, die rigide Klassenstruktur, die jedem Sohn auferlegte, in die Fußstapfen seines Erzeugers zu treten.

Da der Kurs für die neue Entwicklung auf Arrakis zu dieser Periode bereits festgelegt war, hatte Liet-Kynes lediglich noch die Ausführung der Arbeit zu überwachen. Die Fremen hatten ihren Weg beschritten. Liet-Kynes sorgte dafür, daß man die Agenten der Harkonnens im Auge behielt und sie nach Möglichkeit ausspionierte - bis zu jenem Tag, an dem der Planet einen Helden benötigen würde.

© Frank Herbert & Heyne

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... letzte Änderung am 23.05.98 um 23:05 h

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