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Die Religion des Wüstenplaneten
(Der Wüstenplanet, Appendix II)

[...]

Aber es gab noch eine fünfte Kraft, die religiösen Glauben entstehen ließ, auch wenn ihre Bedeutung so universal und grundsätzlich ist, daß man geneigt ist, sie zu übersehen.

Es handelt sich um die Raumfahrt, die in allen Religionen als

RAUMFAHRT!

besonders hervorgehoben wird.

Während der einhundertzehn Jahrhunderte, die Butlers Djihad vorausgingen, drückte die Wanderung der Menschheit zu den Sternen allen Bewegungen ihren Stempel auf. Am Anfang war die Raumfahrt, obwohl sie sich rasch ausbreitete, ein ungesteuertes, langsames und gefährliches Unternehmen. Bevor die Gilde in dieses Geschäft Einzug hielt, herrschte ein unübersehbares Chaos an Methoden vor. Die ersten Raumerfahrungen früher Astronauten, die unglaublich schlechten Kommunikationsverbindungen unterlagen und teilweise zu Subjekten extremer Deformationen wurden, gaben schnell Anlaß zu den wildesten und mystischsten Spekulationen.

Der Raum erlaubte plötzlich einen völlig neuen Blick auf die unterschiedlichsten Schöpfungstheorien, und das Neue wurde bald darauf in den höchsten religiösen Unternehmungen dieser Ära sichtbar: man hatte unerwartet das Gefühl, das Dasein von Gesegneten zu führen, spürte aber gleichzeitig in der Anarchie der allesumgebenden Weltraumfinsternis eine drohende Gefahr.

Es war, als hätte sich Jupiter in all seinen Erscheinungsformen des Mutter-Raumes bemächtigt und lege es nun darauf an, das Dunkel mit den Gesichtern des Schreckens zu beleben. Die frühgeschichtlichen Rezepte der Abwehr dieser Schrecken kamen rasch wieder auf, verflochten sich und wurden aufeinander abgestimmt, als seien sie zur Eroberung neuer Welten unerläßlich. Eine Zeit des Kampfes zwischen ungeheuerlichen Dämonen auf der einen und alten Kulten und Exorzisten auf der anderen Seite begann.

Und dennoch gelangte man nie zu einer klaren Entscheidung.

Es war die Zeit, in der man dazu überging, die Genesis zurückzuinterpretieren als: "Seid fruchtbar und mehret euch und füllet das Universum und macht es euch untertan. Herrscht über alle Arten von Getier und Lebewesen in den unendlichen Himmeln, auf den unendlichen Erden und dem, was sich in und auf ihnen befindet." Es war die Zeit der neuen Hexen, die über wirklich magische Kräfte verfügten und so später stolz darauf hinweisen konnten, daß keine von ihnen auf dem Scheiterhaufen gelandet war.

Und dann brach Butlers Djihad aus - zwei schreckliche Generationen lang. Man überwand den Gott der Maschinologik und verkündete den Massen einen neuen Erlaß: "Nichts darf den Menschen ersetzen." Für die Menschheit wurde dieser zwei Generationen andauernde Feldzug der Gewalt zu einer thalamischen Pause. Sie bickte zu ihren Göttern auf, besah sich die ihnen zu Ehren praktizierten Rituale und stellte fest, daß beide der schrecklichsten aller Gleichungen nahekamen: in jedem Fall beherrschte die Angst vor ihnen jeglichen Ehrgeiz.

Zögernd begannen sich die Führer jener Religionen, deren Anhänger das Blut von Milliarden vergeudet hatten, zu treffen, um ihre Ansichten auszutauschen. Die Raumgilde, die damals gerade damit begann, ihr Monopol auf die interstellare Raumfahrt auszudehnen, gewährte ihnen, wie die Bene Gesserit, die begann, ihre Zauberinnen aus dem Verkehr zu ziehen, großzügige Unterstützung.

[...]

Koneywell bezeichnete das Erscheinen Muad'dibs als 'auf die religiösen Bedürfnisse abgestimmt', was eine fatale Fehlinterpretation darstellt, da sein Auftauchen zu dieser Zeit nicht geplant war. Muad'dib sagte darüber nichts anderes als: "Ich bin da; also..."

Auf jeden Fall ist es, wenn man Muad'dibs religiösen Einfluß verstehen will, wichtig, sich einen bestimmten Faktor vor Augen zu halten: die Fremen waren ein Wüstenvolk, dessen gesamte Lebensweise auf das Verhältnis zu der Umgebung zurückzuführen war, in der sie existierten. Es ist keine Schwierigkeit, einen bestimmten Mystizismus zu pflegen, wenn man sich in jeder Sekunde einer neuen Art von Überlebenskampf ausgesetzt sieht. 'Du bist da; also...'

Vor dem Hintergrund einer solchen Tradition wird das allgemeine Leiden akzeptierbar, wenn auch mit Schmerzen. Es ist wichtig zu wissen, daß die Rituale der Fremen das Aufkommen von Schuldgefühlen gar nicht erst zuließen. Das lag nicht etwa daran, daß Religion und Gesetz bei ihnen eine Einheit darstellten, sondern weil ihr Dasein oft schnelle Entscheidungen und brutale (oft tödliche) Urteile erforderte, die in einem weniger harten Land die Menschen mit schweren Komplexen belastet hätten.

Kein Wunder also, daß die Fremen sehr abergläubisch waren (sogar ohne die von der Missionaria Protektiva ausgestreuten Legenden). Was machte es aus, daß der flüsternde Sand ein Omen darstellt? Was machte es aus, wenn sie die Faust erhoben, wenn am Himmel der erste Mond erschien? Das Fleisch eines Mannes ist sein Eigentum, doch sein Wasser gehört dem Stamm - und das Geheimnis des Lebens ist kein lösbares Problem, sondern eine Wirklichkeit, die man erfahren muß. Und Omen sind dazu da, einen daran zu erinnern. Und weil man da war und die Religion besaß, war der Sieg unausweichlich.

Die Bene Gesserit hatte seit Jahrhunderten, bevor sie auf die Fremen stieß, gelehrt: "Wenn Religion und Politik eins sind und von einem lebenden Heiligen Mann (Baraka) geführt werden, kann sich ihnen nichts mehr entgegenstellen."

© Frank Herbert & Heyne

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... letzte Änderung am 23.05.98 um 23:05 h

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